Alarmistische Studie
Wissenschaftler zweifeln an «Insectageddon»
Eine Studie, laut der fast die Hälfte aller Insekten weltweit von Aussterben bedroht seien, löste im Februar grosses Medienecho aus. Forscher-Kollegen zweifeln aber an deren Seriosität.
Fast die Hälfte Insekten weltweit seien bedroht, schrieben Fransisco Sánchez-Bayo und Kris Wyckhuys von den australischen Universitäten Sydney und Queensland Anfang Februar in ihrem Review im Fachjournal «Biological Conservation». «Unsere Arbeit deckt dramatische Rückgangsraten auf, die zum Aussterben von 41 Prozent der Insekten der Welt in den nächsten Jahrzehnten führen könnten», hiess es weiter. Schuld daran sei die Landwirtschaft: «Die Schlussfolgerung ist klar: Ändern wir nicht unsere Art der Nahrungsmittelproduktion, werden Insekten als Ganzes den Weg des Aussterbens gehen. Die Auswirkungen, die dies auf die Ökosysteme des Planeten haben wird, sind – gelinde gesagt – katastrophal, da Insekten seit 400 Millionen Jahren an der strukturellen und funktionellen Basis vieler weltweiten Ökosysteme sind.»
Diese düsteren Prophezeiungen wurden von den Medien mit Genuss aufgenommen. Von der BBC über «Al Jazeera» bis zu «Süddeutschen Zeitung» und zum «Blick» nahmen die grossen Medien der Welt die Geschichte auf. Auch wir berichteten darüber. Der Begriff «Insectageddon» machte schnell die Runde.
Für eine wissenschaftliche Publikation untypisch überlägt sich die Studie fast mit Worten wie «dramatisch», «schockierend», «fürchterlich» oder «verheerend». Andere Wissenschaftler jedoch halten solch eine Sprache für übertrieben alarmistisch. Ein finnisches Forscherteam beispielsweis befürchtet diese Woche im Fachmagazin «Rethinking Ecology», dass das Review die Glaubwürdigkeit der Naturschutzbiologie in Frage stellen könnte.
Lückenhafte Daten
Atte Komonen und sein Team zweifeln ausserdem die Richtigkeit des Vorgehens von Sánchez-Bayo und Wyckhuys an. Die Forscher aus Australien hätten die wissenschaftlichen Datenbanken mit den Schlüsselwörtern «Insekten», «Rückgang» und «Erhebung» durchsucht, was zu einer Verzerrung der Ergebnisse führe. «Wer Rückgang sucht, wird Rückgang finden», kritisieren die Finnen.
In der Studie sei zudem von einem «schnellen Rückgang» die Rede, obwohl keine Daten zur Geschwindigkeit des Rückgangs vorliegen. Zudem seien die untersuchten Daten weder geografisch noch taxonomisch umfassend. Es sei daher nicht gerechtfertigt, zu behaupten, 41 Prozent aller Insekten seien bedroht, geschweige denn, Insekten als Ganzes würden verschwinden.
Ähnliches fiel auch Chris Thomas von der englischen Universität York und seinen Kollegen auf. Am 1. März schrieben sie in «Global Change Biology»: «Ergebnisse basierend auf solch einseitig gerichteten Methoden sind nicht glaubhaft [...] Die Situation aufgrund von lückhaften und potentiell verzerrten Daten zu hypen, generiert zwar kurzzeitig die benötigte Aufmerksamkeit, doch das Ganze könnte nach hinten losgehen, sollte sich herausstellen, dass die Resultate übertrieben waren.»
Dass es Rückgänge von Insektenarten gibt, daran zweifeln die Forscher nicht. Wie schnell und in welchem Ausmass weltweit diese Rückgänge fortschritten, werde allerdings mit dem vorliegenden Review nicht geklärt. Es gebe ausserdem auch immer wieder Insektenarten, deren Bestände zunehmen.
Insekten sind mit über einer Million bekannten Arten die grösste Tiergruppe. Ob es überhaupt möglich ist, eine weltweite Schätzung abzugeben, beurteilen beide Forschergruppen nicht. Es bedarf aber sicherlich sorgfältiger Arbeit und robuster Datensätze.
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