Letzte Woche präsentierte das Amt für Jagd und Fischerei, die Bündner Wildhut, die Auswertung der ordentlichen Hochjagd. Wie schon seit Jahren stechen dabei die zwei Jagdregionen am Calandamassiv im Churer Rheintal heraus: Die Hirschpopulation kann dort weitestgehend mit der Hochjagd im September reguliert werden.

Auf die umstrittene Nachjagd im November und Dezember, diesogenannte Sonderjagd, könne jeweils verzichtet werden. Oder es sindein paar wenige Abschüsse notwendig, wie dieses Jahr im äusserenTeil des Wolfsgebietes. In Graubünden stellt das Gebiet damit eineAusnahme dar.

Der Leiter des Amtes für Jagd und Fischerei, Georg Brosi, führt diegünstige Situation auf die Anwesenheit des Wolfsrudels zurück. Seitsich das erste Rudel der Schweiz 2011 am Calanda bildete, ging dortdie Zahl der Hirsche um ein Drittel zurück. In der gleichen Zeit wuchs die Hirschpopulation im ganzen Kanton um18 Prozent. Bei Rehen und Gämsen ist die Entwicklung vergleichbar,wenn auch nicht ganz so akzentuiert.

Besserer Wildregulator als Jagd
«Das ist der positivste Aspekt des Wolfsrudels, die Unterstützungbeim Management von Hirsch, Reh und Gams», erklärt der obersteBündner Wildhüter. Der Einfluss auf das sogenannte Schalenwild seiin dreifacher Hinsicht positiv.

Das hungrige Rudel dezimiere die gegenwärtig hohen Populationen,bewirke eine gleichmässigere Verteilung des Wildes im Gelände undverbessere mit seinem Jagdverhalten den Gesundheitszustand derBestände. Die Wölfe rissen in erster Linie kranke und schwache Tiere. «Daskönnen sie besser als die Jäger», sagt Brosi. Das Rudel sei einbesserer Wildregulator als die Jagd. «Aus ökologischer Sicht istder Wolf positiv zu werten.»

Wolfsbegegnungen nicht goutiert
Jubeln mag der Wildhut-Chef dennoch nicht. Das Konfliktpotenzialzwischen Grossraubtier und Mensch sei gross. UnerwünschteWolfsbegegnungen und Konflikte mit der Landwirtschaft seien diezwei negativsten Aspekte der grösseren Wolfspräsenz. Die Landwirtschaft kämpfe mit Schafsrissen und dem enormen Aufwand für den Herdenschutz. Und Alpbesitzer im Wolfsgebiet hätten Schwierigkeiten, ihre Alpen überhaupt zu bewirtschaften, weilSchafhalter ihre Tiere ungern dorthin brächten.

Für die Bevölkerung seien unangenehme Begegnungen mit Einzelwölfenein grosses Problem. «Die Leute goutieren das nach wie vor nicht»,erzählt der Jagdinspektor. Nebst 300 Sichtungen von Wölfen oderHinweisen auf deren Präsenz komme es in Graubünden jedes Jahr zu 10bis 20 näheren Begegnungen. In Graubünden sorgte zuletzt der Wolf mit der Kennzeichnung M75 für Aufregung. Das männliche Tier scheute nicht davor zurück, über einehalbhohe Türe in einen Stall im Bündner Oberland zu springen.Mehrere problematische Begegnungen habe es auf der anderen Seitedes Calanda gegeben, im St. Gallischen Taminatal, weiss Brosi.

Nach solchen Ereignissen gebe es jeweils geharnischte Reaktionenaus der Bevölkerung. Die Akzeptanz des Grossraubtieres in derBevölkerung schwanke mit der Häufigkeit solcher Begebenheiten.

Problematische Wölfe erlegen können
Was sich der oberste Wildhüter wünscht, ist, «problematische Wölfe»schnell und unbürokratisch erlegen zu können. Es gehe dabei umeinige wenige Einzeltiere, die ein konfliktträchtiges Verhaltenzeigten, betont er. Das Ziel seien scheue Wolfsrudel. Man müsse sich bewusst sein, dass die Akzeptanz des Wolfes durch die Bevölkerung vom Umgang der Behörden mit dem Tier abhinge, erklärt Brosi. Es beruhige die Menschen, wenn auf schwierige Wölfeentsprechend und schnell reagiert werden könne. Zurzeit könne dasdie Wildhut aber nicht, und sie habe zu wenig Spielraum.

Im Endeffekt kämen einzelne Abschüsse solcher Wölfe demWolfsbestand zugute. «Der Wolf braucht die Akzeptanz in derBevölkerung», gibt der Wildhut-Chef zu bedenken. «Sonst wird seinGastspiel kurz sein.»